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Old 12.12.2007, 05:34 PM   #1
█████████
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Wir hörten und wir staunten
Text: Max Dax, Jan Kedves Foto: Oliver Schultz-Berndt

Den Klassikerstatus des eigenen Warenkatalogs live zu reproduzieren, oder zumindest dies zu versuchen, schien sich gerade zum Trend zu entwickeln: Lou Reed tourte mit einer Eins-zu-eins-Umsetzung seines »Berlin«-Albums, und Sonic Youth spielten Ende Juni in Berlin ihr kultisch verehrtes 88er-Album »Daydream Nation«. Parallel erschien das Album in einer Deluxe-Edition, als historisch-kritische Werkausgabe sozusagen. Dass sie irgendwann einmal eine ihrer LPs nachspielen würden, von Anfang bis Ende durch, etwas Derartiges hätten sich Sonic Youth wohl nicht träumen lassen, als sie sich 1981 in New York – der Stadt, die damals dank No Wave gerade mal wieder zum Schauplatz einer Musikrevolution geworden war – gründeten. Wahrscheinlich hätten sie die Vorstellung sogar langweilig gefunden. Aber die Zeit vergeht nun mal. Nach dem Soundcheck in der Columbiahalle, während Kim Gordon sich noch erklären lässt, wie sie am schnellsten nach Mitte zum Fred-Perry-Shop findet, nimmt Gitarrist Lee Ranaldo, 51, hinter der Bühne Platz auf einem Ledersofa. Zum Thema des Abends passend, besteht das »Vorspiel« für ihn aus Klassikern des Blues, Rock und Pop.


Arto Lindsay
»Noon Chill« (Rykodisc, 1997)

 


Lee Ranaldo: Ist das Arto Lindsay? Wow!

Das Stück heißt »Noon Chill«.
Es überrascht mich heute noch, Arto mit dieser sanften Stimme singen zu hören. Sein Gesang ist wunderbar. Damals, als er noch mit DNA spielte, zeigte er davon gar nichts. Bei DNA ging es um etwas völlig anderes als darum, schön zu singen.

Warst du ein Fan von DNA?
DNA waren damals in New York eine der wichtigsten Bands für mich! Ich habe mir ihre Konzerte immer und immer wieder angeschaut. Sie waren drei Außenseiter, und sie machten die absolut erstaunlichste zeitgenössische Musik. Für Menschen außerhalb New Yorks blieben die Protagonisten der No-Wave-Szene damals absolute Weirdos – besonders, nachdem Brian Enos »No New York«-Sampler erschienen war, auf dessen Cover sie tatsächlich alle aussahen, als seien sie gerade aus der Irrenanstalt entlaufen. Aber wie die No-Wave-Bands Ende der siebziger Jahre dieses ikonische Ding namens Rock'n'Roll, das zu der Zeit im Grunde schon längst uninteressant geworden war, wieder aufgriffen und von Grund auf neu dachten, das war künstlerisch höchst aufregend. Ihre Musik bleibt für mich bis heute unübertroffen. Arto Lindsays Gitarrenspiel damals war jedenfalls fantastisch. In der gesamten Zeit, die er bei DNA spielte, hat er nicht einmal auf den Bund gegriffen! Er schlug einfach nur auf seine offen gestimmte 12-Saiten-Gitarre ein – wie kein Gitarrist vor ihm!

Nach DNA wollte Arto Lindsay neue Facetten seines Gesangs ausloten. Auf »Noon Chill« klingt er fast wie Chet Baker ...
Wunderbar. Das ist eine beachtliche Entwicklung, die er da durchlaufen hat – von krachigstem New Yorker Noise hin zu diesem avantgardistischen, brasilianisch beeinflussten Pop, den er in den Neunzigern auf mehreren Soloalben veröffentlichte. Erstaunlich!

Die Haut
»Intoxication« (feat. Kim Gordon)
(What's So Funny About, 1992)


Ranaldo: Das ist Kim! Die Haut repräsentieren für uns natürlich die alte Westberlin-Connection, zu der auch Bands wie Nick Cave And The Bad Seeds oder die Einstürzenden Neubauten zählen. Diese Berliner Bands waren wichtige Einflüsse für uns.

Erinnerst du dich an dein erstes Mal in Westberlin?
Natürlich. 1980 kam ich zum ersten Mal in die Stadt, zusammen mit Glenn Branca. Ich erinnere mich an das stundenlange Warten an den Grenzanlagen zum Ostblock, die Schikanen, die Wachtürme und Uniformen. Die Neubauten spielten an dem Abend als unsere Vorband. Damals habe ich Blixa Bargeld kennen gelernt, und ich weiß noch: Mufti hatte dieses gigantische Stahlschlagzeug mit allem möglichen Metallschrott, den er auf Beckenständern befestigt hatte. Ich war schwer beeindruckt.

Damals sah sich die Westberliner Szene ein wenig wie ein Außenposten Manhattans ...
Man kann sicherlich von einer Verwandtschaft beider Städte sprechen, in dem Sinne, dass sie damals in gewisser Weise Inseln darstellten – isolierte Orte, an denen man das Gefühl hatte, verstanden zu werden, und wo Leute lebten, die an Ähnlichem arbeiteten wie man selbst auch. Uns schien es eigentlich andersherum: Die Musik, die wir aus Berlin hörten, wirkte so vollkommen neu und schon bis ins Letzte ausformuliert. Wir hörten und wir staunten.

Christoph Dreher, der Gründer von Die Haut, hat später einen Film über Sonic Youth gedreht
Ja, »Silver Rockets / Cool Things«. Der Film war gut. Für uns war es interessant zu sehen, dass jemand, den wir als Musiker kennen gelernt und den wir dann eine Zeit lang aus den Augen verloren hatten, plötzlich wieder als Filmemacher auftauchte. Viele der Protagonisten der No-Wave-Szene kamen ja ihrerseits ursprünglich aus der Kunst – Arto Lindsay kam vom Theater, ich studierte Malerei, Kim studierte ebenfalls Kunst. Patti Smith, Television, The Clash und all diese anderen Musiker machten uns damals aber mit ihrer frischen Energie klar, dass Rock genauso seine Berechtigung als Kunstform hat wie die bildenden Künste.

Vincent Gallo
»So Sad« (Warp, 2001)


Warum grinst du so?
Ach, Vincent ist schon eine bizarre Figur. Er ist ein wirklich netter Kerl, und schlau ist er auch, aber andererseits ist er ein totaler Vollidiot. Ich meine, er ist Republikaner! Das ist etwas, was für alle von uns unvorstellbar ist! Ein Mensch voller Widersprüche.

Du kennst ihn schon lange?
Ich kenne ihn nicht wirklich gut, aber eine Zeit lang hat er mal mit uns in New York herumgehangen – ich glaube, weil er hinter einer Frau her war, die mit Thurston und Kim befreundet war. Wie auch immer, als Musiker finde ich ihn cool. Er hat schon sehr früh angefangen, Musik zu machen, er war damals ja auch Mitglied in Jean-Michel Basquiats Band Gray. Und die Platten, die er dann später auf Warp herausbrachte, haben mir gefallen. »So Sad« hat eine unfassbar ergreifende Zartheit, und sein Gesang erinnert abermals an Chet Baker. Das ist schon äußerst verblüffend. »Buffalo 66«, Vincents ersten Film, fand ich übrigens wundervoll.

Und wie fandest du »Brown Bunny«?
Auch gut, mit ein paar Abstrichen allerdings. Ich schätze, mit diesem Film hatte er sich ein bisschen viel vorgenommen.

Hast du die Viereinhalb-Stunden-Version gesehen?
Nein. Aber die Version, die ich gesehen habe, war zweieinhalb Stunden lang – was auch genug war. Um die Idee rüberzubringen, meine ich.


Mutter
»Die neue Zeit« (Die eigene Gesellschaft, 1996)


Ranaldo: Was ist das?

Das sind Mutter. Sie sind aus der Berliner Band Campingsex hervorgegangen.
Ah ja, Campingsex! An die erinnere ich mich. Campingsex haben damals einen bleibenden Eindruck auf mich gemacht. Thurston Moore und ich fanden sie sehr gut, vor allem das Album »1914«. Dass sie als Mutter weitergemacht haben, war mir gar nicht bewusst. Der Sänger ist großartig – Max Müller.

 


Du scheinst dich mit deutscher Musik gut auszukennen ...
Das hängt natürlich damit zusammen, dass wir uns von Anfang an für Underground-Musik interessiert haben, die sogar dort, wo sie herkommt, fast unbekannt ist. Bevor wir anfingen zu touren, waren wir sehr auf New York fixiert, wir bekamen also von dem, was sonst in der Welt passierte, nicht viel mit. Sobald wir auf Tour gingen, stießen wir aber überall, wo wir hinkamen, auf Leute, die im Underground sehr interessantes Zeug machten. Leute, die sozusagen unsere Gesinnungsgenossen waren, bevor wir von ihnen wussten.

Ihr seid auf Tour also auch immer viel in Plattenläden gegangen?
Die ersten zehn Jahre haben wir auf Tour praktisch nichts anderes gemacht. Wir haben in Platten- und Buchläden alles aufgesogen, was uns interessant schien. Außerdem trafen wir natürlich überall, wo wir hinkamen, Menschen, die uns Interessantes zeigten. So ist das ja, wenn man irgendwo zu Gast ist: Die Leute wollen, dass man ihren Wein probiert und sich ihre Musik anhört. So, wie ich jetzt mit euch Mutter höre.


Bob Dylan
»Gates Of Eden« (Bootleg, 2000)


Ranaldo: Ah, Dylan! Ich bewundere ihn dafür, dass er in seinem Alter noch immer relevante Werke veröffentlicht.

Bei dieser Aufnahme von einem Konzert in Köln geht ihm nach zwei Minuten seine Gitarre kaputt. Was macht man als Gitarrist in einer solchen Situation?
Man tut, was man kann. Man improvisiert in der Situation. Ich denke, für Dylan bedeutete es in diesem Moment einfach, noch mehr zu singen. Weil er die Situation improvisierend meistern musste. Seinem Gesang hört man das an! Er singt das selten gespielte »Gates Of Eden« unfassbar gut.

Du hast Dylan in einem Interview einmal als »radical adult« bezeichnet.
Wir haben ja auch einen Song, der trägt den Titel »Radical Adult«. In ihm geht es darum, dass man eine Zeit lang davon ausging, nur junge Leute zwischen 18 und 25 könnten radikale Subkulturen schaffen, obwohl es auch viele Ältere gibt, die radikal sind, indem sie unbeirrt ihre Vision verfolgen und sich von Kritiker- oder Publikumserwartungen nicht aus dem Konzept bringen lassen. Yoko Ono ist so jemand, und Dylan natürlich. Zu der Zeit, als er in den Achtzigern nicht so gute Alben herausbrachte, dachte ich, dass ich eigentlich ein Album für ihn produzieren müsste. Aber das Schicksal wollte nicht, dass sich unsere Wege kreuzten. Im Moment arbeite ich aber am Soundtrack zu dem Film, den Todd Haynes über Bob Dylans Leben gedreht hat. Ich habe einige Songs für diesen Film produziert, mit Gastvocals von Tom Verlaine, Stephen Malkmus und Karen O von den Yeah Yeah Yeahs.
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